ZMo-Gesund: Zielgruppenorientierte Mobilitätsketten im Gesundheitswesen

Die am 01.11.2017 gestartete Durchführbarkeitsstudie “ZMo-Gesund: Zielgruppenorientierte Mobilitätsketten im Gesundheitswesen” wird über das mFUND-Programm (www.mfund.de) durch das BMVI gefördert und unter der Konsortialführerschaft von COSMO gemeinsam mit den Beratungsunternehmen ecco und GPS-Knie bearbeitet.

Gesamtziel des Vorhabens

Die zunehmende Spezialisierung und Konzentration von Gesundheitszentren, Kliniken und spezifischen Einrichtungen wie z.B. Dialysezentren wirken sich auch auf die Verkehrsströme der Besucher und Patienten innerhalb einer Region aus. Aber auch die Mitarbeitenden und Dienstleister sind davon betroffen. Der Bedarf an medizinisch bedingten Fahrten wird zukünftig weiter steigen.

Einrichtungen des Gesundheitswesens sind in der Regel in den Ober- und Mittelzentren zu finden. Fachärzte und auch Allgemeinärzte finden sich überwiegend in den größeren Orten der jeweiligen Gemeinden. Diese Situation wird dadurch verschärft, dass in ruralen Gebieten aufgrund des Bevölkerungsrückganges, der damit verbundenen Änderung der Bevölkerungsstruktur (Abnahme der Schülerzahlen und Anwachsen der älteren Bevölkerung), ein flächendeckender öffentlicher Personennahverkehr zunehmend nicht mehr zu adäquaten Kosten aufrechterhalten werden kann.

Im Ergebnis wird die fortschreitende Zentralisierung und Bündelung dazu führen, dass sich die Einzugsgebiete der Gesundheitseinrichtungen stark vergrößern und die Anfahrtswege verlängern. Absehbar ist auch, dass sich die finanziellen Mittel auf Seiten der Kommunen in den kommenden Jahren nicht wesentlich steigern werden, d.h. die Möglichkeiten der öffentlichen Hand, vorhandene Mobilitätsbedarfe durch Ausbau des vorhandenen ÖPNV-Angebots zu decken, sind begrenzt.

Die Bereitschaft der Patienten (oder auch die Notwendigkeit) zur Anreise in entfernte und zumeist spezialisierte Gesundheitseinrichtungen ist für die Leistungserbringer Chance und Risiko zugleich. Auf der einen Seite eröffnet sie Möglichkeiten, das Einzugsgebiet für spezifische Leistungen zu erweitern und vorhandene Fallzahlen zu erhöhen. Auf der anderen Seite verstärken diese neuen Bedarfe vorhandene Mobilitätsprobleme in den (urbanen) Zentren sehr direkt: überfüllte Parkplatzflächen, Parkplatz-Suchverkehre etc. Es besteht daher in vielen Regionen ein allgemeines Interesse der beteiligten Leistungsträger (mit jeweils nicht unerheblicher wirtschaftlicher Bedeutung für die Region) und kommunalen Autoritäten daran, Lösungen für die aufgezeigten Mobilitätsprobleme zu finden. Eine weitere Fragestellung ergibt sich somit hinsichtlich der Auswirkungen dieser Zentren auf die Mobilität der Region und wie mögliche datenbasierte Anwendungen aussehen können.

In der Regel weisen Gesundheitseinrichtungen, wenn sie keine überregionale Spezialisierung vorsehen, eine relativ fest umrissene Regionalität auf. Das Einzugsgebiet kann relativ exakt beschrieben werden.  Auf der einen Seite existieren damit gut planbare regionale “Mobilitäts-Kulissen”: Kliniken wissen bspw., wann welche Patienten ihre Einrichtung aufsuchen werden und woher sie kommen – sie wissen also welche Mobilitätsbedarfe vorhanden sind bzw. erwartet werden können. Auf der anderen Seite versuchen verschiedene Mobilitätsanbieter (ÖPNV, Carsharing, Bürgerbusse, Parkraumbetreiber etc.) ihre Angebote auf Grundlage besserer Planung attraktiver zu gestalten bzw. überhaupt erst möglich zu machen. Hier erscheint die Vermutung berechtigt, dass eine gesamt-planerische Integration bzw. die Kooperation spezifischer medizinischer Versorgungseinrichtungen mit verschiedenen Mobilitätsanbietern vorhandene Mobilitätsbedarfe besser befriedigt. Hierfür bedarf es einer integrierten Datenplattform. Dies ist die diesem Vorhaben zugrundeliegende Kernthese.

Hierzu sind vorhandene Nutzen- und Anbieterdaten (bspw. “Wann haben ich einen Termin zur Routineuntersuchung bei meinem Facharzt?”; “Welche körperlichen Einschränkungen habe ich?”; “Welche Mobilitätsangebote kommen für mich überhaupt in Frage?”) in der Form zu integrieren, dass die o.a. Nutzergruppen mit attraktiven Angeboten angesprochen werden können. Auf diese Weise könnten (mit Hilfe multimodaler Mobilitätsketten) Anreize zur Nutzung von Angeboten (vgl. Wagner vom Berg 2015; Wagner vom Berg et al. 2013) gesetzt werden, die das Verkehrsaufkommen nachhaltig reduzieren bzw. das Aufsuchen der Einrichtungen für Patienten, Besucher und Mitarbeitende überhaupt möglich machen. Im Fokus steht somit nicht nur die Verringerung des Verkehrsaufkommens, sondern auch die Schaffung eines individuell bedarfsgerechten Mobilitätsangebots (vgl. Wagner vom Berg 2015), welches dem demographischen Wandel hinsichtlich einer alternden Gesellschaft (persönliche Einschränkung als Verkehrsteilnehmer, Verunsicherung bei der Fahrt in eine unbekannte Stadt, Einbindung von Familienmitgliedern etc.) Rechnung trägt.

Im Zuge der hier geplanten Durchführbarkeitsstudie soll nun untersucht werden, welche Nachfrage nach entsprechenden Mobilitätsangeboten aktuell und zukünftig im Gesundheitssektor vorhanden ist und welche technischen, organisationalen und ökonomische Voraussetzungen diese Angebote haben.

Im Ergebnis gibt die Durchführbarkeitsstudie verschiedene Hinweise auf (betriebswirtschaftlich tragbare) innovative Angebote (vgl. Wagner vom Berg et al. 2016a) im hier adressierten Markt für Mobilitätsdienstleistungen:

So könnte im Rahmen einer Phase 2 “Angewandte Forschung und Experimentelle Entwicklung” eine Datenplattform entstehen, die aktuelle Mobilitätsdaten von Patienten, Mitarbeitenden und Besuchern bspw. mit Daten aus der aktuellen Situation der Verkehrs- und Parkraumsituation rund um das jeweilige Gesundheitszentrum zusammenführt und so Suchverkehre in Einrichtungsnähe oder auch Verkehrsverdichtung auf Zubringerstraßen verhindert. Diese Datenplattform könnte als zentraler Bestandteil des Besuchermanagements von den Krankenhäusern selbst betrieben werden. Es ist aber auch die unabhängige Bereitstellung durch einen Anbieter als Software-as-a-Service denkbar. Weiterhin ist durch Integration in ein (sofern vorhandenes) kommunales Verkehrsleitsystem ein signifikanter Mehrwert zu erwarten, z. B. indem auf Basis besserer Prognosen mit Big Data (vgl. Wagner vom Berg et al. 2016b) geplant werden kann.

Dem Besucher könnten auf dieser Basis per App Dienste zur Planung seiner Mobilität bereitgestellt werden, die ihm sowohl eine Reiseplanung und -assistenz bietet (vgl. Wagner vom Berg 2015). Eine Erfassung und Berücksichtigung der Mobilitätsbedarfe in ihrer Gesamtheit ermöglicht wiederum eine Bündelung der Bedarfe. Eine solche Bündelung manifestiert sich als Ergebnis u.a. in dem Angebot und der effizienten Organisation von Fahrgemeinschaften. Fahrgemeinschaften sind dazu geeignet, ein fehlendes öffentliches Mobilitätsangebot zu substituieren und führen im Ergebnis zu einer Reduktion der Einzelfahrten und damit zur Entlastung des Verkehrssystems.  Hierbei können neuartige Systeme zur dynamischen Bündelung und für die dynamische Routenplanung zum Einsatz kommen, welche sowohl Daten konsumieren als auch Daten liefern und Mobilitätssysteme mit unterschiedlichen Systemgrenzen (z.B. Gesundheitszentrum, Region) optimieren. Die öffentliche Datenplattform mCloud spielt hierbei eine zentrale Rolle.

Langfristiges Ziel ist die bedarfsgerechte Sicherung der Mobilität der Menschen, welche die Gesundheitseinrichtungen besuchen und zwar zu angemessenen Kosten für den Mobilitätsanbieter (wobei noch offen ist, welche Organisationen das sind) und zu bezahlbaren Preisen für die Mobilitätsnachfrager.

 

Share

Leave a Reply +

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.